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06.11.2017

„Wir werden immer erschöpfter“

Bildung | Drei Rektorinnen wollen die Landespolitik auf die Missstände an ihren Grundschulen aufmerksam machen: Zu wenig Lehrkräfte, zu wenig Personal, zu wenig Zeit, lautet ihre Diagnose

Von Bianca Lütz-Holoch

Fehlender Förderunterricht, unbesetzte Rektorenstellen und Pensionäre, die für Krankheitsvertretungen aus dem Ruhestand zurückgeholt werden: So sieht derzeit der Alltag an den Grundschulen im Landkreis Esslingen aus. Ein Alltag, mit dem sich drei Schulleiterinnen aus der Region nicht abfinden wollen. „Wir werden immer erschöpfter und müder“, sagt Heike Wannek, die bis zum vergangenen Schuljahr die Grundschule in Holzmaden geleitet hat und jetzt Rektorin in Kohlberg ist. „Das macht uns Sorgen, und das wollen wir mitteilen.“

Gemeinsam mit ihren Kolleginnen Gabriele Seitz, Leiterin der Grundschule in Ohmden, und Ulrike Haist, Rektorin der Weilheimer Limburg-Grundschule, hat sie deshalb ein Positionspapier verfasst und einen bildungspolitischen Austausch in Ohmden organisiert. Mit am Tisch sitzen an dem Abend die drei Landtagsabgeordneten An­dreas Schwarz (Grüne), Karl Zimmermann (CDU) und An­dreas Kenner (SPD) sowie Dr. Corina Schimitzek, die Leiterin des Staatlichen Schulamts Nürtingen. Auch Schulleiterkollegen und Elternvertreter sind gekommen. David Warneck, Kreisvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), moderiert die Veranstaltung.

Besonders getroffen hat die Schulleiterinnen die Aussage der baden-württembergischen Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU), es mangele den Grundschulen nicht an Lehrern, sondern an Qualität. Geäußert hatte sie dies, nachdem Baden-Württemberg bei der IQB-Bildungsstudie nur auf den hinteren Rängen gelandet war. Das möchte der GEW-Vorsitzende David Warneck keinesfalls so stehen lassen. „Aus unserer Sicht ist nicht die mangelnde Professionalität der Lehrer schuld an den Problemen, sondern es sind die schlechten Lehr- und Lernbedingungen“, betont er: „Es gibt zu wenig Lehrkräfte, zu viel Arbeit und zu wenig Zeit.“

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Dabei, so legt Dr. Corina Schimitzek vom Staatlichen Schulamt dar, sei der Tiefpunkt noch längst nicht erreicht: „Im Moment befinden sich die meisten unserer Schulen bei der Lehrerversorgung noch im grünen Bereich“, klärt sie auf. Das wird aber nicht so bleiben, denn die Vertretungslisten sind erschöpft. „Der nächste Lehrer, der länger als einen Tag ausfällt, wird zu einem riesigen Problem. Ab sofort können wir nichts mehr auffangen.“

Die Einblicke, die die Schulleiterinnen in ihren Alltag geben, sprechen Bände. Gabriele Seitz beispielsweise leitet derzeit nicht nur die Ohmdener Schule, sondern kommissarisch auch die Grundschule in Notzingen, deren Rektorenstelle vakant ist. Auf dem Papier seien die Schulen zwar relativ gut versorgt. „In Notzingen hatten wir in den ersten drei Wochen aber schon 20 Prozent Unterrichtsausfall“, berichtet Seitz. Sie selbst habe neben ihren Schulleiterverpflichtungen und ihren eigenen Unterrichtsstunden noch zwölf Vertretungsstunden übernehmen müssen. „Das schaffe ich nicht auf Dauer“, sagt die Rektorin, die selbst noch kleine Kinder zu Hause hat. Auch Eileen Müller, Konrektorin der Limburg-Grundschule in Weilheim, geht die Situation an die Substanz. Sie verzeichnet an ihrer Schule einen chronischen Lehrermangel: „Ich selbst habe jetzt drei Stunden aufgestockt, um fehlende Lehrerstunden auszugleichen“, sagt die Mutter einer kleinen Tochter. Heike Wannek sagt: „Ich plane zu reduzieren, um gut weiterleben zu können.“

Personell eng geht es auch bei Uwe Häfele, Rektor der Kirchheimer Alleenschule, zu. „Wir konnten auf knapp 100 Prozent Versorgung kommen, indem die Kollegen aufgestockt haben“, berichtet er. „Wir haben auch ehemalige Kollegen angerufen, damit sie in Teilzeit wieder einsteigen.“ Unendlich viel dürfen die Pensionäre aber nicht arbeiten. Ist ihr erlaubtes Stundenbudget aufgebraucht, ist Schluss. „Wenn sie wegbrechen, haben wir keine Ressourcen mehr“, so Häfele. Ein Problem sieht er auch im Wegfall von so genannten „Poolstunden“, aus denen einst Stütz- und Förderunterricht gespeist wurden.

Dieses Thema beschäftigt auch Ulrike Haist, Leiterin der Limburg-Grundschule in Weilheim. „Ohne solche Extrastunden können wir der heterogenen Schülerschaft nicht gerecht werden“, sagt sie. Abstriche bei den Stunden für Vorbereitungsklassen sind für sie ebenfalls undenkbar: „Wir haben 20 Kinder aus sieben verschiedenen Ländern, von denen fünf kein Wort Deutsch sprechen“, veranschaulicht sie.

„Diese Rückmeldungen und Sorgen nehmen wir ernst“, versichert Andreas Schwarz, Grünen-Fraktionsvorsitzender im Landtag. Zum einen habe das Land den ursprünglich geplanten Stellenabbau schon gestoppt. Zudem wolle man aus der IQB-Studie weitere Konsequenzen ziehen. „Wir schaffen in den nächsten Jahren Deputate und Stellen“, kündigt er an. Auch bei der Besoldung wolle das Land Korrekturen vornehmen.

Der CDU-Landtagsabgeordnete Karl Zimmermann kann unterdessen mit einer guten Botschaft aus dem Kultusministerium aufwarten: „Die Anzahl der Studienplätze an den Pädagogischen Hochschulen soll um 200 auf 1450 Plätze erhöht werden“, verkündet er. „Da erwarten wir langfristig positive Entwicklungen.“

Großen Bedarf sieht Andreas Kenner (SPD) beim Thema Sprache - auch, aber nicht ausschließlich bei der Integration junger Flüchtlinge: „Viele Migranten, die in zweiter oder dritter Generation in Deutschland leben, sprechen schlechtes Deutsch.“ Dafür müsse man ebenfalls Stunden einplanen. Enorm ist derzeit die Nachfrage nach Lehrern, die Deutsch als Fremdsprache studiert haben. „Die können wir nicht mit Fachkräften decken“, sagt Andreas Schwarz.

 

Was die Grundschulrektorinnen fordern

In einem Katalog haben die Grundschulrektorinnen Probleme und Forderungen zusammengestellt. Einige Beispiele:

Lehrermangel Weil Personal fehlt, schlagen die Rektorinnen kurzfristige Maßnahmen zur Überbrückung vor. Dazu gehören Kooperationen kleinerer Grundschulen, etwa bei der Schulleitung, und eine Erhöhung der Zulassungszahlen an den Pädagogischen Hochschulen. Außerdem wünschen sie sich mehr Pädagogische Assistenten sowie die Möglichkeit, mehr außerschulische Hilfe einkaufen zu dürfen. Ein weiterer Wunsch: Wieder Krankheitsstellvertreter zu haben.

Inklusion/Integration Gefordert werden mehr Stunden für Vorbereitungsklassen in Grundschulen sowie bei der Inklusion von Schülern mit Handicaps.

Kleine Grundschulen Statt Zusammenlegungen wünschen sich die Rektorinnen den Erhalt auch kleiner Grundschulen - getreu dem Motto „kurze Beine, kurze Wege“.

Kommunikation Die Schulleiterinnen beklagen, dass sie zu wenig Informationen vom Kultusministerium bekommen und nicht genug in Entscheidungen eingebunden werden. Ihr Wunsch: Mehr Transparenz, mehr Beteiligung und mehr Wertschätzung.

Fehlende Stunden Aktuell bekommen die Grundschulen als einzige Schulart im Land keine „Poolstunden“ zugewiesen. Solche Stunden zur freien Verfügung werden für Förderunterricht, individuelles Lernen oder Religions-Ersatzunterricht benötigt. Bezahlung Ein großes Problem sehen die Schulleitungen in der niedrigen Besoldung von Grundschulrektoren. Sie fordern auch mehr zeitliche Entlastung für Verwaltungsaufgaben. bil

 
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