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18.02.2019

Es ist nicht fünf vor zwölf, es ist halbeins

Agrarwirtschaft | Ein Thema beim Kreisbauerntag in Dettingen war der Flächenfraß. Energieverbrauch und Klimawandel wurden ebenfalls angesprochen.

Von Peter Dietrich

Wer beim Kreisbauerntag die Dettinger Schlossberghalle betrat, musste am großen Spiegel vorbei. Der Vorsitzende des Kreisbauernverbands, Siegfried Nägele, erklärte den Grund: Wer beim Thema Artenschutz auf die Bauern zeige, der solle auch auf sich selbst schauen. Sein Credo gleich zu Anfang: „Die Erde braucht die Menschen nicht, aber die Menschen brauchen die Erde“. Was beschäftigt die Bauern? „Die Afrikanische Schweinepest, das Jakobs-Kreuzkraut, Ferkelkastration, Blauzungenkrankheit, die Hofübergabe, die Pauschalierung in der Umsatzsteuer, der Wolf und die Weidetierhaltung. Da könnten wir uns eine ganze Woche zusammensetzen.“

Und das Wetter? Dieses war 2018 zu trocken. Getreide, Mais und Kartoffeln waren unterdurchschnittlich, Gras knapp, Obst gab es dafür im Überfluss. Die Aussage des Lebensmitteleinzelhandels, es gebe immer etwas, man könne auf der ganzen Welt kaufen, ist für Nägele arrogant. „Wir führen sowieso mehr Lebensmittel ein als aus. Was anders produziert wird, geht zu Lasten des Regenwaldes.“

Nägele kritisierte die Überarbeitung der Düngeverordnung: „Sie war gerade mal ein Jahr in Kraft. Wie sollen wir uns auf etwas einstellen, das so eine Halbwertszeit hat?“ Dann solle die Massentierhaltung am Feinstaub schuld sein - kurz darauf stelle sich heraus, dass die Modellrechnungen völlig falsch seien.

Wie entwickle sich die Gesellschaft? Der hohe Energieverbrauch bedeute Erwärmung. „1,5 Grad mehr lassen die Tanne in Baden-Württemberg fast verschwinden. Immer mehr Fahrkilometer, immer mehr Flugverkehr? Gegen das Bienensterben unterschreiben, aber das Kind mit dem Q7 von der Schule abholen.“

Beim Flächenverbrauch sei es nicht mehr fünf vor zwölf. „Es geht eher Richtung halbeins! Guter Boden ist für Nahrungsmittel, Boden speichert Wasser, versiegelte Flächen erhitzen lokal enorm und führen zu Starkregen.“ Landesbauordnung und Raumplanung müssten angepasst werden. „Das gibt doch die coolsten Wohnungen auf bisherigen Flachdächern. Könnte der Daimler mal in Mettingen seine alten Buden abreißen und durch Wohnungen über der Produktion ersetzen?“

Wie Flächensparen geht, zeigte der Dettinger Bürgermeister Rainer Haußmann. Die Stadt habe 500 Einwohner gewonnen, alle in Baulücken. Dann nahmen die drei Landtagsabgeordneten Andreas Schwarz (Grüne), Andreas Kenner (SPD) und Karl Zimmermann (CDU) Stellung zum Thema Flächenverbrauch. „Höhe vor Fläche“, betonte Schwarz. Durch Aufstockung bestehender Gebäude könnten in Baden-Württemberg 185 000 Wohnungen entstehen. Ab 2020 könnten die Kommunen eine Grundsteuer auf baureife Grundstücke erheben. Auch Kenner warb für das kreative Bauen. „Ich schaue mir an, wie der Planer wohnt. Der hat ein Grundstück mit zehn Ar und sagt, so baue man heute nicht mehr.“ Zimmermann warb dafür, Ersterwerber zum Eigenbedarf von der Grunderwerbssteuer zu befreien. Das ermutige Ältere, sich etwas Kleineres zu kaufen.

Dr. Jochen Wagner, Studienleiter an der evangelischen Akademie in Tutzing, gab als Gastredner einen launigen Einblick in die menschlichen Widersprüche: das Kaugummipapier stolz zur Wertstofftonne tragen, aber mal kurz auf Malle fliegen? Er sprach als Vater aus der Beobachtung seiner eigenen Kinder: „Sie wissen nicht, wo die Kartoffeln für McDonald’s herkommen.“ Wagner erklärte auch, warum er den Tatort nicht mag, er ende ihm zu indifferent. „Ich habe 60 Bände Karl May gelesen, das hat mein Gerechtigkeitsempfinden geprägt. Ich will, dass die Drecksau bestraft wird.“

Auf die Ehrungen, unter anderem für Teilnehmer an der „Gläsernen Produktion“, folgte das Schlusswort des Vorsitzenden Tobias Briem, sehr kurz und knackig: „ Für das deutsche Konsumniveau wären drei Erden nötig. Im Kreis Esslingen werden jedes Jahr 100 Hektar zubetoniert. So kann es nicht weitergehen.“

Neben den Reden waren Begegnung zwischen den Bauern wichtig. Selbst beim Händewaschen auf der Toilette wurde über den Beruf geredet: „Na, wie geht es dem Gemüse?“

 
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